Politische Evaluation des Projektes “Soziale Stadt” in Essen

Einführung

Altendorf gehört zu den Stadtteilen in Essen, in denen Problemlagen durch zunehmende gesellschaftliche Segregation entstanden sind und vorhandene Entwicklungsdefizite bisher nicht kompensiert werden konnten. Die vorhandenen Akteure sind nicht in der Lage ausreichende Handlungsimpulse gegen die weiter zunehmende gesellschaftliche Spaltung zu aktivieren. Aus diesem Grund wurde der Stadtteil 1998 in das Landesprogramm „Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf“ und 1999 in das Bund-Länderprogramm „Soziale Stadt“ aufgenommen worden.

Besonderer Bedeutung kam in diesem Zusammenhang, der baulichen Erneuerung der vorhandenen Infrastruktur und des öffentlichen Raumes zu. Aber auch Maßnahmen zur Verbesserung des Zusammenlebens wurden berücksichtigt. Dabei wurde das an der Universität Essen entwickelte Konzept des Quartiermanagements in Kooperation mit der Stadt Essen, karikativen Trägern und dem ISSAB (Universität Essen) umgesetzt.

Der vorliegende Text ist das Ergebnis einer Analyse der Teilergebnisse von 2003, einer Stichprobenanalyse im August 2006, sowie der Verhältnisse der Ergebnisse in Bezug auf die Zieldefinition. Schwerpunkt ist die politische Bewertung der Ergebnisse sowie eine Prognose für die zukünftige Entwicklung des Stadtteils.

Ergebnisse

Im folgenden werden die Ergebnisse der untersuchten Bereiche auf Basis des Handlungskonzeptes der Stadt Essen [nbcite author=”Stadt Essen” year=”1999″ title=”Handlungskonzept für Essen-Altendorf. Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf” publisher=”Stadt Essen” city=”Essen” type=”report” ] erläutert.

Handlungsfeld lokale Ökonomie

Da die Hilfe in Stadtteilen mit besonderem Erneuerungsbedarf nicht vorwiegend durch Hilfe von Außen geschehen kann, wurde versucht, lokale Ressourcen des Stadtteils zu mobilisieren. Dies geschah in Form von Gesprächen mit dem örtlichen Einzelhandel, der Wohnungswirtschaft und Werbegemeinschaften seitens der Stadt Essen und dem ISSAB.

Als problematisch wurde im Dannenberger-Gutachten von 1985 das heutige Kaufhaus „real“ gesehen. Versuche, den mittelständischen Einzelhandel an der Altendorferstraße zu stärken, scheiterten bis heute. Viele Immobilien, die für den Einzelhandel vorgesehen sind, liegen brach. In den genutzten Räumlichkeiten haben sich fast ausschließlich Anbieter von Billgwaren, An- und Verkauf Geschäfte, sowie Geschäfte von Händlern ausländischer, insbesondere libanesischer und türkischer Herkunft, angesiedelt. Dies wird von vielen Deutschen, vor allem älteren und alten Menschen, als sehr störend und abwertend angesehen.

Die Geschäfte an der Altendorferstraße, Ecke Helenenstrasse, stellen neben dem „real“-Kaufhaus, sowie dem Gewerbegebiet die einzige mittelfristige Versorgung der Bewohner dar. Allerdings sind sowohl das „real“ Kaufhaus, als auch das Gewerbegebiet nur für mobile Personen geeignet. Die Akteure in Altendorf sind jedoch zu einem nicht unerheblichen Teil inmobil.

Handlungsfeld Zusammenleben im Stadtteil

Der Stadtteil ist geprägt durch die besonders hohe Quote an Migranten. Fast 50 % der Bewohner [nbnote ]Nach der neuen Definition für Migrationshintergrund[/nbnote] haben einen Migrationshintergrund. Die verschiedenen Ethnien und Religionen auf sehr engem Raum sind problematisch. Aufgrund der hohen Heterogenität der Akteure wird als pädagogisches Handlungskonzept die kleinteilige und dezentrale Projektarbeit, auf Basis einer gemeinsamen Handlungsbasis als Strategie angewandt. Dieses Konzept erfordert einen Handlungsdruck der Akteure und versucht so die verschiedenen Gruppen kooperativ agieren zu lassen. Die Projekte wecken in einigen Teilen ein hohes Interesse. Dies ist in Abhängigkeit zum Projekt und zum entsprechenden Handlungsdruck zu bewerten. Inwieweit sich dieser kooperative Moment in andere Handlungsfelder überträgt, kann, aufgrund fehlender Daten, nicht bewertet werden.

Handlungsfeld Wohnungsmodernisierung

Dieses Handlungsfeld ist in besonderem Maße von den Standorten, den Eigentümern, sowie den Bewohnern abhängig. Es gibt einige Straßenzüge, die noch der Modernisierung bedürfen. Die Quartiere, in denen die Häuser einer Modernisierung unterzogen wurden, werten das Gesamtbild in einem erheblichen Maße auf. Allerdings sind die Folgen von Vandalismus bereits nach kurzer Zeit an einigen Objekten zu beobachten. Als gutes Vorbild für die Modernisierung können städtische Träger oder die großen Wohnungsbaugesellschaften genannt werden. Dünnen diese ihre Bestände jedoch weiter aus, wird sich dies negativ auf das Handlungsfeld niederschlagen.

Stadtplanerisch wird sich der Grünbereich des sog. „Kruppschen Gürtels“ positiv auf den Stadtteil auswirken, so daß sein Ausbau forciert werden sollte.

Handlungsfeld Schule und Bildung / Kultur

Die Gesamtschule Bockmühle entspricht mit ihrem Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund (ca. 50 %) und den über 30 verschiedenen ethnischen Gruppen dem Stadtteilsdurchschnitt. Eine Unterscheidung zwischen der Herkunft und dem Schulabschluß lassen sich empirisch nicht nachweisen. Das Leistungsniveau der Schüler liegt jedoch weiterhin unterhalb des städtischen Durchschnittes.

Der Hof der Schule ist ansprechend gestaltet, allerdings behindert die Struktur, aufgrund vieler nicht einsehbarer Bereiche, die Aufsichtspflicht der Lehrer, so daß viele Kinder in den Pausen die Möglichkeit nutzen den Schulhof zu verlassen.

Weiterbildungen werden im Stadtteil nur sehr wenig wahrgenommen. Insbesondere die Sprachentwicklung muß weiter forciert und gefördert werden.

Die kulturelle Angebote für Senioren sind gut. Allerdings wurden bisher nur die mobilen Alten berücksichtigt. Dies soll sich aber mit dem Projekt der Diakonie „Neue Arbeit“ ändern. Diese bietet eine kostenlose Unterstützung an.

Das Angebot für Migranten ist kaum entwickelt. Für Kinder und Jugendliche gibt es die Trendsporthalle sowie zahlreiche Sportvereine. Über den Sport hinaus ist aber auch hier das kulturelle Angebot nicht hinreichend entwickelt.

Imageverbesserung und Öffentlichkeitsarbeit

Viele Personen im Stadtteil haben das subjektive Empfinden, daß keine Besserung in Sicht ist. Insbesondere, wenn auch letzte Geschäfte der Nahversorgung, wie z.B. das fahrende Geschäft am Schölerpad den Betrieb, aufgeben.

Selbst viele Personen, die durch den Service des Stadtteilbüros erreicht werden, würden, wenn entsprechende Mittel zur Verfügung stünden, den Stadtteil verlassen. Keine befragte Person aus anderen Stadtteilen würde freiwillig nach Altendorf ziehen oder sein Kind auf eine Schule in diesem Stadtteil schicken.

Fazit

Es gibt einige kleine Projekte, die einen sinnvollen Ansatz verfolgen, allerdings sind diese nicht koordiniert. Das Servicebüro müßte möglichst alle korporativen Akteure des Stadtteils integrieren um eine größtmögliche Wirkung im Stadtteil zu erzielen.

Weiterhin genügte keines der Projekte den Qualitätsstandarts nach ISO 9000ff. Lediglich das Jugendamt der Stadt Essen hat eine Evaluationsgruppe eingerichtet, dessen Wirkungs- und Handlungsweise, auf Grund der mangelnden Zertifizierung, und nicht normenkonformes Arbeiten, allerdings in Frage zu stellen ist. Die anderen Projekte verfügen über keine Qualitätssicherung in Form eines Qualitätsmanagements bzw. Evaluation.

Als gut kann die Verbesserung des Wohnumfeldes genannt werden. Hier ergeben sich insbesondere mit dem bevorstehenden Rückbau an Wohnbausubstanz, den Grünflächen in Zusammenhang mit dem „Kruppschen Gürtel“, sowie der Renaturierung der Emscher, große Entwicklungspotenziale.

Politisch bewertend kann festgehalten werden, daß die Zielvorgaben bisher nicht erreicht worden sind. Nach sieben jähriger Laufzeit, sollte auf Basis einer Evaluation des Projektes, die Handlungskonzepte für die entsprechenden Zielvorgaben neu ausgerichtet werden.

Eine Evaluation des Gesamtprojektes auf Basis wissenschaftlicher Verfahren und standardisierter Normen ist daher dringend angeraten und wird Bestandteil weiterer Publikationen sein.

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